“Geistreiche Führung”
Auszug aus dem Kapitel: Vom Sehen und Erkennen

Früh am Morgen traf ich in Hamburg ein. Termin mit drei Bewerbern. Ein internationales Speditions- und Logistikunternehmen suchte den einen Kandidaten für eine Leitungsposition. In dieser Zeit war Headhunting meine Haupttätigkeit. Die passgenaue Besetzung hochdotierter Stellen. Die Aufgabe bestand darin, in kürzester Zeit die Persönlichkeit des Bewerbers zu analysieren. Mein Beraterkollege Helmut prüfte die Fachkompetenz. Das Risiko: Eine sechsstellige Summe zu vergeigen. Es waren immer interessante Kulissen. Meist Luxushotels. Der Haupteingang zum Hotel Atlantic war wegen Filmaufnahmen abgesperrt. In der Lobby stand Heinz Hönig vor mir. Der Film: “Rose unter Dornen”  wurde gerade gedreht. Ich ging in die Bar zum Bewerbergespräch um den Einen zu finden. Es gibt immer nur einen Richtigen.

Meine Mutter zeigte mir Rosen auf die richtige Weise zu schneiden. Sie lehrte: „Unter jedem Rosenauge warten Hunderte zu blühen.“ (Anmerkung: Rosenauge zeigt den erst kleinen Punkt, die neue Austriebstelle) In unserem Garten pflanzte ich unter dem alten Apfelbaum eine historische Kletterrose mit dem Namen Bobby James. Ein Rambler, mit Tausenden kleinen Blüten. Glückliche Stunden verbrachte ich in dem alten Garten. Im Laufe der Jahre kannten wir alle Vögel, Insekten, Libellen, Frösche und Haselmäuse. Jede Tulpe, Narzisse, jede Waldrebe war uns vertraut. Auch der Holunder, die Haselnuss-Sträucher, der Flieder und der Walnussbaum. Eine Meise war so zutraulich, das sie auf die Hand flog um Nüsse oder Brotkrumen zu picken. Es war merkwürdig, nur eine wilde Möhre wuchs in dem großen Gartengrundstück. Eine einzige.

Wolf Dieter Storl, der Schamane aus dem Allgäu sagt: “Je mehr uns die Technologie fasziniert, desto stärker manifestieren sich die chthonischen Wesenheiten, die die Griechen eins Titanen nannten, und desto stärker inkarnieren sie sich in der Gestalt von Maschinen und Elektronik. Je mehr wir von den titanischen Kräften des Magnetismus, der Elektrizität und des Atoms in Bann geschlagen werden, je weiter wir in eine virtuelle Realität hineinschlittern, desto weniger Energie fließt den anderen Daseinsbereichen zu: den Pflanzen und Tieren, den Elementarwesen. Der Prozess ist bereits so weit fortgeschritten, dass die meisten modernen Menschen letztere ganz aus den Augen verloren haben. Weil wir ihr das Licht unseres Bewußtseins immer seltener zuleuchten lassen kränkelt die ganze belebte Natur.”

Eine Seit 2005 beschäftigt sich ein Expertenkreis um Joachim Böttcher mit Terra Preta do Indio, einer anthropogenen Schwarzerde aus dem Amazonasbecken. Durch intensive, anwendungsorientierte Forschung ist es ihm gelungen, die einstigen Herstellungsmethoden zu identifizieren: Er konnte ein Verfahren entwickeln aus dem eine neue Terra Preta entsteht die überraschende Eigenschaften mitbringt und die lebendige Schwarzerde sogar übertrifft. Joachim machte mir in einem Vortrag den Verlust der Lebendigkeit des Erdreichs und den übergroßen Handlungsbedarf deutlich.

Der irische Philosoph John O’Donohue schreibt in seinem Buch: Schönheit – Das Buch vom Reichtum des Lebens. “Außerdem bin ich überzeugt davon, dass alle globalen Krisen, von denen zur Zeit so viel zu hören ist, eine Ursache in der Vernachlässigung des Themas “Schönheit” haben.”  Alles wird jedoch nur durch das Sehen, das andächtige Schauen mit den Augen der Seele schön. Wir segnen mit unseren Augen. Ich gehe sogar einen Schritt weiter zu sagen: “Wir führen mit unseren Augen!”

Nach drei Studienjahren kommt der Novize in das Haus seines Lehrers. Er betritt den Raum, platzt schier vor Ideen über die komplexesten Themen buddhistischer Metaphysik und ist gut vorbereitet auf die tiefgründigen Fragen, die ihn bei seiner Prüfung erwarten.
„Ich habe nur eine einzige Frage“, sagt sein Lehrer.
„Ich bin bereit, Meister“, antwortet er.
„Stehen die Blumen im Eingang links oder rechts vom Schirm?“
Beschämt zieht sich der Novize für weitere drei Studienjahre zurück.

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